| Pemphigus
foliaceus
Autoimmunerkrankungen, die zu
sichtbaren Hautveränderungen führen, können entweder nur die Haut /
Schleimhäute oder die Haut und andere Organsysteme betreffen.
Beim Hund sind die häufigsten dieser Autoimmunerkrankungen Pemphigus
foliaceus (PF) , Diskoider Lupus Erythematosus (DLE) sowie Pempigus
erythematosus (PE), seltener Bullöses Pemphigoid, Pemphigus vulgaris und
Systemischer Lupus Erythematosus (SLE).
Bei den Autoimmunerkrankungen versagt das Immunsystem bei der Erkennung,
was eigene und fremde Strukturen im Körper sind, es werden humorale (das
Hormonsystem betreffende) oder zelluläre (die Zellen betreffende)
Antikörper gegen körpereigene Zellen oder Zellstrukturen gerichtet.
Generell steigt mit dem zunehmenden Alter eines Hundes die Neigung zur
Ausbildung einer solchen Autoimmunerkrankung. Ursachen hierfür sind in
einem Effizienzverlust bei der Immunüberwachung, einem Verlust an
Immuntoleranz sowie in Kreuzreaktionen zwischen Autoantigenen und
Fremdantigenen zu suchen.
Statistisch gesehen ist der Pemphigus foliaceus beim Hund zwar die
häufigste Autoimmunerkrankung, mit etwa 0,5 % - 0,68 % der
dermatologischen Fälle sind die Pemphigus-Erkrankungen jedoch eher selten.
Nicht stimmig sind die Angaben, ob es für den Pemphigus foliaceus eine
echte Rassedisposition gibt oder nicht. Quellen geben eine solche für den
Akita Inu, den Dobermann, den Neufundländer, den Bearded Collie,
Schipperke, Finnenspitz, Chow-Chow und Dackel an. Die Möglichkeit einer
genetischen Prädisposition wird vermutet.
In etwa 50 % der Pemphigus foliaceus-Fälle bildet sich die Erkrankung vor
Vollendung des fünften Lebensjahres aus, die ersten Symptome zeigen sich
durchschnittlich im Alter von vier Jahren.
Möglich ist eine Unterscheidung der Pemphigus foliaceus Erkrankung in drei
verschiedene Formen:
-
spontaner Pemphigus foliaceus,
beobachtet vorwiegend beim Akita Inu und Chow Chow mit vermutlich
erblicher (hereditärer) Komponente
-
Medikamenten vermittelter Pemphigus
foliaceus, vermehrt bei Labrador Retriever und Pinscher festgestellt,
also eine Überempfindlichkeit gegen ein Medikament. Nach dem Absetzen
der entsprechenden Arznei kommt es meist zu einer Spontanremission
(Nachlassen der Krankheitssymptome)
-
Der Pemphigus foliaceus von
prädisponierten Hunden mit einer medizinischen Vorgeschichte (Anamnese)
von langandauernden chronischen Hautproblemen, der vermutlich ebenfalls
durch eines der verabreichten Medikamente ausgelöst wird, eine
Spontanremission ist hier jedoch eher selten.
Beim Pemphigus foliaceus kommt es zur
Blasenbildung in den oberen Schichten der Epidermis. Diese Vesikel werden
hervorgerufen durch einen Verlust der interzellulären Haftung, also der
Verbindung der Zellen dieser Hautschicht (Kerationozyten=hornbildende
Zellen der Epidermis) untereinander. Diese Verbindungen werden durch
Haftplatten (Desmosomen) hergestellt, ein in ihnen vorkommendes Protein
ist Desmoglein I (Desmoglein I kommt nur in der Haut, nicht in
Schleimhäuten vor).
Beim Pemphigus foliaceus bildet das Immunsystem Antikörper gegen das
Desmoglein I (gelegentlich auch gegen Desmoglein II), die Haftplatten
werden zerstört. Infolge des fehlenden Zellzusammenhaltes kommt es zur
Abrundung der frei gewordenen Keratinozyten (dieser Vorgang wird
Akantholyse genannt).
Innerhalb der Epidermis bilden sich zunächst Spalten und dann Blasen mit
einem Durchmesser von ein bis zehn Millimetern. Da Hunde eine sehr dünne
Epidermis haben, platzen die Pusteln recht schnell auf und trocknen ein,
eine typische honigfarbene Kruste bildet sich (Sekundärläsion), unter der
sich häufig eine feuchte Oberfläche findet. Die Pusteln können sich sowohl
an Haarfollikeln wie auch nicht follikulär bilden. Sind Follikel am
Geschehen beteiligt, kann es zu haarlosen Stellen kommen, die von Krusten
und Schuppenkränzen umgeben sind. Ein Kommen und Gehen der Läsionen ist
typisch, der Allgemeinzustand der Hunde ist zunächst meist gut, in selten
Fällen wurden systemische Symptome wie Fieber, verminderte Lebhaftigkeit,
Lahmheiten, Schwellung von Lymphknoten (Lymphadenopathie) und
Einlagerungen von Flüssigkeit im Gewebe (Ödeme) beobachtet. Der Juckreiz
ist sehr unterschiedlich ausgeprägt, kann jedoch sehr heftig werden.
Beobachtet wurde häufig während der Sommermonate eine Exazerbation
(deutliche Verschlimmerung der Symptome einer bereits bestehenden, in der
Regel chronischen Erkrankung). In der Fachliteratur ist der Fall eines an
Pemphigus folicaeus erkrankten Hundes beschrieben, bei dem nicht
betroffene Hautstellen selektiv UV-Strahlung ausgesetzt wurden. Bei diesem
Hund konnte an den so bestrahlten Hautstellen die oben beschriebene
Akantholyse ausgelöst (induziert) werden.
Betroffen sind beim Hund zunächst die Hautbereiche, in denen sich
besonders viel Desmoglein I in der Epidermis findet, das sind vor allem
der Kopfbereich und hier der Bereich der Nase, der Nasenrücken, die
Augenumgebung und den Ohrmuscheln. Weitere häufige Lokalisationen sind die
Pfoten, am Krallenbett und an den Ballen, wo es zu Fissuren, Hyperkeratose
(übermäßige Verhornung, oft auch am Nasenspiegel festzustellen) und
Geschwüren kommt. Im weiteren Verlauf kann es zu einer Generalisierung und
der Ausweitung des Pemphigus foliaceus auf andere Körperregionen (Bauch,
Rücken) kommen, oft einhergehend mit einem gestörten Allgemeinbefinden,
Sekundärinfektionen (Bakterien) der betroffenen Hautstellen können
auftreten.
Beim Verdacht auf Pemphigus foliaceus ist es möglich, Pusteln gezielt zu
eröffnen und zytologisch zu untersuchen, akantholytische Zellen sind so
darstellbar. Schwierig gestaltet sich dies oft dadurch, dass die Pusteln
nur eine sehr kurzlebige Erscheinung sind, versucht werden kann auch das
Entfernen von Krusten und das anschließende Auflegen eines Objektträgers
auf das freiliegende Exsudat (Absonderung eiweißreicher Flüssigkeiten im
Rahmen entzündlicher Prozesse). Zytologisch lassen sich auch auf diese
Weise die sehr kleinen, abgerundeten Keratinozyten erkennen, ebenso gut
erhalten, segmentierte Granulozyten und gelegentlich eosionphile
Granulozyten.
Eine gesicherte Diagnose ist allerdings nur über die histopathologische
Untersuchung von Hautbiopsien möglich, auch hierfür eignen sich am besten
Pusteln. Direkte oder indirekte Immunofluoreszenztests (IF) zur
Sichtbarmachung von Antikörperablagerungen in den Zwischenzellräumen
finden aufgrund zahlreicher falsch interpretierter Ergebnisse kaum mehr
Verwendung in der Veterinärmedizin. In speziellen Labors sind mit
immunhistochemischen Techniken Antikörper in den Interzellulärräumen
färbbar, eine eindeutige und zuverlässige Methode.
Bei Hunden mit Pemphigus foliaceus ist ein ANA-Test (serologische
Untersuchung auf Antinukleäre Antikörper) meist negativ,
Routinelaboruntersuchungen sind in der Regel unauffällig, allerdings ist
eine Leukozytose (bis zu 80.000/mm³) nichts Ungewöhnliches und bei rund 15
% der Hunde liegt eine periphere Eosinophilie (Erhöhung der Zahl
eosinophiler Granulozyten) vor.
Die Therapie des Pemphigus foliaceus ist meist eine lebenslange,
immunsuppressive Behandlung. Bei etwa der Hälfte der betroffenen Hunde
kann eine Remission (vorübergehende oder dauernde Abschwächung der
Symptome bei chronischen Erkrankungen, ohne dass eine Heilung erreicht
wird) durch alleinige Gabe von Prednisone erreicht werden, die andere
Hälfte der Patienten benötigt eine Kombinationstherapie wie Prednison und
Azathioprin (oder Prednison mit Chorambucil oder Chrysotherapie, möglich
ist auch der Einsatz von anderen Glukokortikoiden wie Dexamethason oder
Triamcinolon). Bei der Kombinationsbehandlung treten in der Regel mehr
Nebenwirkungen (Glukokortikoid in Verbindung mit Azathioprin
beispielsweise iatrogener Hyperadrenokortizitismus, Hepatotoxizität,
Anaemie, Demodikose und gastrointestinale Blutungen) auf.
Die Angaben über die Höhe der anfänglichen Prednison/Prednisolongabe in
der Literatur differieren stark, die Angaben reichen von 1-2 mg/kg
Körpergewicht zweimal täglich über 2 mg/kg/Tag bis hin zu 2-6 mg/kg/Tag.
Bekannteste Nebenwirkungen einer hoch dosierten Glukokortikoid-Therapie
sind Polydipsie (übermäßige Flüssigkeitsaufnahme) und Polyurie (vermehrte
Harnausscheidung), Gewichtszunahme und vermehrtes Hecheln. Werden diese
Nebenwirkungen zu stark, kann die Kombination mit beispielsweise
Azathioprin sinnvoll sein bei Reduktion des Glukokortikoids. Wichtige
Nebenwirkungen von Azathioprin sind Thrombozytopenie (Mangel an
Blutplättchen), Leukopenie (Mangel an weißen Blutkörperchen) und Anämie
(Blutarmut, Mangel an roten Blutkörperchen, die
Sauerstoff-Transportkapazität des Blutes ist vermindert).
Möglich ist auch als Einstieg in die medikamentöse Behandlung eine
dreitägige Hochdosis-Steroid-Pulstherapie, also eine
Cortison-Stoß-Therapie. Bei zwei Akitas mit Pemphigus foliaceus wurde
diese mit Methylprednisolonsuccinat 10mg/kg/Tag über 1 Stunde i.V. an drei
aufeinander folgenden Tagen durchgeführt. Fortgesetzt wurde die Behandlung
oral mit Azathioprin und Prednisolon.
Sobald der Krankheitsverlauf es zulässt, werden die immunsuppressiven
Medikamente auf die geringst mögliche Erhaltungsdosis reduziert.
Als flankierende Therapie ist die weitere lokale Behandlung der
betroffenen Hautareale angezeigt, häufig durch Kortisoncremen. Gute
Erfolge zeigten sich in Studien auch mit dem relativ neuen Wirkstoff
Topischem 0,1%igem Tacrolismus („Protopic“), die Nebenwirkungen scheinen
im Vergleich zu den Kortikoiden deutlich geringer zu sein. Die Kosten für
Protopic sind allerdings im Vergleich relativ hoch, das Präparat ist durch
seine zähe, gut haftende Konsistenz recht ergiebig.
An der Klinik für Kleintiere der Stiftung Tierärztliche Hochschule
Hannover gab es einen Fall einer Kromfohrländer-Hündin mit Pemphigus
foliaceus mit sekundärer Pyodermie, der auf keine medikamentöse Therapie
dauerhaft ansprach. Da die Läsionen in diesem Fall auf Nacken- sowie
Kruppen- und Schwanzansatzbereich beschränkt waren, wurden die gesamten
veränderten Hautareale schließlich chirurgisch entfernt. Eine
anschließende medikamentöse Therapie gab es nicht, ein Zeitraum von 24
Monaten post operativ ist als rezidivfrei dokumentiert.
Diese interessante Seite einem Freund senden
zurück
|